Iran heute – zwischen Hoffnung, Repression und Verantwortung des Westens

Shiraz, Fars Provinz, Iran. Foto: mostafafameraji, pexels.com

Ein Essay von Raimund Schreckenberger. Seit vielen Jahren verfolge ich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran sehr aufmerksam. Das hat einen persönlichen Hintergrund: Mein Vater war viele Jahre beruflich im Iran tätig, und wir lebten als Familie von 1976 bis 1978 – also bis kurz vor Beginn der Islamischen Revolution – in Teheran.

Im Jahr 1983 hatte ich dann noch einmal die Gelegenheit, das Land intensiv zu bereisen. Gemeinsam mit meinem jüngeren Bruder und meinem Vater waren wir drei Wochen lang unterwegs – vom Kaspischen Meer bis weit in den Süden nach Shiraz. Diese Reise fiel in die Zeit des Iran-Irak-Krieges, des sogenannten Ersten Golfkriegs (1980–1988). Frontnahe Regionen waren für uns tabu, doch die endlosen Militärkolonnen in Richtung Front waren allgegenwärtig und ein bedrückendes Zeichen dieses sinnlosen Sterbens.

Was mir aus beiden Aufenthalten in Erinnerung geblieben ist, sind vor allem die große Gastfreundschaft der Menschen und die faszinierenden historischen Stätten – Zeugnisse einer jahrtausendealten Hochkultur.

Als wir 1976 in den Iran kamen, war Mohammad Reza Schah Pahlavi noch konstitutioneller Monarch. Einerseits hatte er mit weitreichenden Modernisierungsprogrammen das Land wirtschaftlich und infrastrukturell vorangebracht. Andererseits war seine Herrschaft autoritär. Politische Gegner wurden verfolgt, viele von ihnen im berüchtigten Evin-Gefängnis inhaftiert, gefoltert oder getötet.

Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wuchs, besonders in den Jahren 1977 und 1978. Ayatollah Ruhollah Khomeini verstand es, diese Situation aus dem Exil heraus geschickt zu nutzen. Mit Versprechen von Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Mitbestimmung mobilisierte er breite Teile der Bevölkerung. Viele Menschen – auch säkulare und nicht religiöse – setzten Hoffnung in ihn.

Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Mit der Ausrufung der Islamischen Republik Iran im Jahr 1979 entstand ein repressiver Gottesstaat. Die Rechte der Bevölkerung wurden massiv eingeschränkt, insbesondere die der Frauen. Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit existierten faktisch nicht mehr. Wer Widerstand leistete, wurde verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet.

Eine zentrale Rolle im Machtgefüge übernahmen die Islamischen Revolutionsgarden. Sie entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer militärischen, politischen und vor allem wirtschaftlichen Machtelite, die große Teile der iranischen Wirtschaft kontrolliert und maßgeblich vom Fortbestand des Systems profitiert.

Der Iran steht heute unter erheblichem Druck – von außen und von innen. Das umstrittene Atomprogramm hat zu harten internationalen Sanktionen geführt. Gleichzeitig wächst der innere Widerstand gegen Unterdrückung, soziale Ungleichheit und die systematische Einschränkung von Freiheitsrechten. Die wirtschaftliche Lage ist dramatisch: hohe Inflation, Währungsverfall, sinkende Kaufkraft und zunehmende Verarmung prägen den Alltag vieler Menschen.

Immer wieder entlädt sich diese Situation in Protesten. Besonders prägend waren die landesweiten Demonstrationen ab September 2022 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, die nach ihrer Festnahme durch die sogenannte Sittenpolizei starb. Internationale Beobachter gehen davon aus, dass sie infolge von Misshandlungen ums Leben kam. Das Regime reagierte mit brutaler Gewalt: Tote, tausende Verhaftungen und später auch Hinrichtungen nach fragwürdigen Verfahren.

Auch die jüngsten Unruhen, die sich Ende 2025 erneut zuspitzten, haben vor allem wirtschaftliche Ursachen. Basarhändler und breite Teile der Bevölkerung protestierten gegen den massiven Wertverfall der iranischen Währung, die hohe Inflation und die Perspektivlosigkeit. Hinzu kommt der anhaltende Protest gegen verkrustete klerikale Machtstrukturen sowie die massive Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit.

Aktuell werden Kommunikationswege wie Internet, soziale Medien und Telefonverbindungen immer wieder gezielt unterbrochen. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass der Staat erneut mit harter Repression gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Verlässliche Informationen aus dem Land sind dadurch nur schwer zu erhalten.

Inzwischen wird auch darüber spekuliert, ob Revolutionsführer Ali Khamenei im Ernstfall eine Flucht ins Ausland – etwa nach Russland – in Erwägung ziehen könnte. Unabhängig davon sollte sich der Westen jedoch nicht der Illusion hingeben, dass das klerikale Machtgefüge den Iran kampflos aufgeben wird. Ein Wandel wird nur durch den langen und mutigen Einsatz der iranischen Gesellschaft selbst möglich sein.

Aus dem Exil meldet sich regelmäßig Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, zu Wort. Er unterstützt die Opposition und bringt sich als mögliche Figur für die Zeit nach der Islamischen Republik ins Gespräch. Die Vorstellung jedoch, dass der Sohn eines Monarchen in den Iran zurückkehrt und dort eine stabile, demokratische Ordnung errichtet, halte ich persönlich für nicht überzeugend. Nach der autoritären Monarchie und der klerikalen Diktatur besteht die reale Gefahr, alte Machtstrukturen erneut zu reproduzieren – mit neuen gesellschaftlichen Spaltungen.

Nach der Revolution Ende der 1970er-Jahre ist ein großer Teil der iranischen intellektuellen, wissenschaftlichen und kulturellen Elite ins Exil gegangen. Viele dieser Menschen leben heute in den USA, in Europa oder Kanada. Sie sind hoch qualifiziert, kennen demokratische Systeme, haben Erfahrungen mit Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und religiöser Freiheit gesammelt.

Diese Exil-Iranerinnen und Exil-Iraner sind ein wichtiger Teil der Opposition gegen das klerikale System. Sie verfügen über Wissen, internationale Netzwerke und politische Erfahrung. Der Westen sollte genau diese zivilgesellschaftlichen Kräfte stärken und einbinden – nicht als Ersatzregierung, sondern als Partner für einen zukünftigen Iran, der auf Demokratie, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit basiert.

Was kann der Westen konkret tun? Neben diplomatischem Druck braucht es gezielte Sanktionen gegen die Machteliten: ein konsequentes Ölembargo, das Einfrieren von Auslandsvermögen führender Kleriker, Regierungsmitglieder und der Revolutionsgarden sowie ein vollständiger Exportstopp für Überwachungs-, Rüstungs- und Dual-Use-Technologien. Gleichzeitig müssen humanitäre Hilfe, Bildungsprogramme und der Schutz politisch Verfolgter ausgebaut werden.

Der Kampf um Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechte im Iran geht uns alle an. Er verdient unsere Solidarität – klar, konsequent und ohne falsche Illusionen.

Essay:  Raimund Schreckenberger; Beitragsbild: Shiraz, Provinz Fars, Iran.  Fotograf: mostafafameraji, pexels.com