Stellungnahme des Ortsverbands BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Groß-Gerau zum geplanten Rechenzentrum am Lausböhl

Ein Rechenzentrum im Lausböhl?

Der Ortsverband BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Groß-Gerau lehnt den geplanten Bau eines Rechenzentrums des Betreibers Vantage Data Centers am Standort Lausböhl ab, da die Nachteile aus unserer Sicht die Vorteile bei weitem übertreffen.

Hintergrund

Das amerikanische Unternehmen Vantage Data Center hat den ehemaligen Autoumschlagsplatz am Lausböhl erworben, auf dem 5 riesige Gebäudekomplexe errichtet werden sollen, um dort ein sogenanntes Hyperscaler-Rechenzentrum für Techgiganten aus den USA zu betreiben.

Immissionen und Emissionen (Heiß, laut & riesig)

Das geplante Rechenzentrum bringt gleich zwei Faktoren mit, die zu einer doppelten Hitzebelastung für die Gerauer und Gerauerinnen führen werden. Zum einen ist das Gebiet am Lausböhl Teil des wichtigen Gerauer-Frischluftkorridors. Zum anderen wird seitens Vantage mit einer Abwärme von ca. 1.620 GWh pro Jahr gerechnet. Das entspricht 93.000 Backöfen oder 23.000 Saunen, die 365 Tage im Jahr rund um die Uhr laufen. Wenn in den durch den Klimawandel ohnehin schon viel heißeren Sommern der Wind da mal ausbleibt, wird es für alle ohne Klimaanlage vermutlich sehr ungemütlich, für ältere und schwache Mitbürger gar lebensgefährlich.

Eine Nutzung der Abwärme für Groß-Gerau wurde geprüft. Nach aktuellem Stand wäre sie jedoch nur in sehr begrenztem Umfang (rund 20 %) möglich und mit extrem hohen Investitionskosten von etwa 200 Millionen Euro verbunden. Zudem könnte die Abwärme nahezu ausschließlich im Winter genutzt werden. Im Sommer würde weiterhin alles an die Umwelt abgegeben werden.

Auch der durch das Rechenzentrum entstehende Lärm ist nicht zu vernachlässigen. Die HVAC-Ventilatoren in Rechenzentren können Geräusche zwischen 55 und 85 dBA erzeugen. Das mag auf den ersten Blick nicht allzu viel erscheinen, entspricht aber in etwa einem Müllwagen beim Entleeren der Tonnen oder einer Kettensäge; und das konstant, es hört nie auf (24/7).

Das Rechenzentrum soll gigantische 30 Meter hoch werden. Das entspricht etwa einem zehnstöckigen Hochhaus! Zum Vergleich: Das kleinere der beiden Hochhäuser am östlichen Ende des Europarings hat 12 Stockwerke und ist aus dem gesamten Umland heraus deutlich zu sehen.

Digitale Souveränität

Das letzte Jahr und speziell die letzten Monate haben uns auf schmerzliche Weise gezeigt, dass sich unser einstiger transatlantischer Freund, die USA, immer weiter von uns entfernt. Hieraus ergeben sich grundsätzliche Bedenken in Bezug auf digitale Souveränität und Sicherheit. Rechenzentren sind das Rückgrat staatlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Funktionen und stellen in dieser Größe kritische Infrastruktur dar. Mit Vantage Data Centers handelt es sich um einen Betreiber unter US-amerikanischer Trägerschaft. Auch bei formaler Einhaltung europäischer Vorschriften bleiben strukturelle Abhängigkeiten von außereuropäischen Konzern- und Rechtsstrukturen bestehen. In einem zunehmend geopolitisch angespannten Umfeld halten wir es für problematisch, zentrale digitale Infrastruktur fröhlich weiter in die Verantwortung von Unternehmen zu legen, die nicht dem europäischen Rechts- und Gestaltungsraum unterliegen.

Vantage Data Centers ist übrigens Teil des von Donald Trump angekündigten Stargate-Projekts. Stargate hat das Ziel, die amerikanische Vorherrschaft im AI-Bereich zu zementieren.

Mangelnde Vorteile für Groß-Gerau

Rechenzentren sind hochgradig flächen- und energieintensiv, schaffen jedoch nur sehr wenige Arbeitsplätze und entfalten kaum lokale Wertschöpfung. Die zu erwartenden Grund- und Gewerbesteuereinnahmen stehen in keinem angemessenen Verhältnis zum erheblichen Flächenverbrauch und zur dauerhaften Blockade eines zentralen Entwicklungsareals. Die Grundsteuereinnahmen liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit unter denen einer Wohnbebauung, da für die Grundsteuer die Nutzfläche/Wohnfläche maßgebend ist, wodurch bei mehrstöckigen Wohnungen/Häusern gegebenenfalls mehr Fläche entstehen könnte. Und auch wenn Vantage das anders verkaufen möchte, rechnen wir mit keinen nennenswerten Gewerbesteuereinnahmen, da bei einem Investitionsvolumen von 2,5 Mrd. Euro dermaßen hohe Abschreibungen geltend gemacht werden können, dass bei uns Gerauern hier, auch bei einem zu erwartenden wirtschaftlichen Betrieb des Rechenzentrums, vermutlich kaum etwas ankommen wird. Sind die Abschreibungen durch, können beispielsweise durch einen einfachen Eigentümerwechsel als Asset-Deal nahezu unbegrenzt Gewerbesteuereinnahmen umgangen werden, da erneut Abschreibungen des Firmenwertes auf 15 Jahre möglich sind. Um für diese Prognose Bestätigung zu finden, muss man gar nicht so weit schauen: Ein Blick nach Raunheim genügt. Denn die Raunheimer sind so gar nicht glücklich mit den Steuereinnahmen aus den dort ansässigen Rechenzentren. Im Übrigen lassen sich im Bundesanzeiger die tatsächlichen Zahlen ganz einfach nachrecherchieren.

Einen Vorteil, den wir sehen, ist die nach Baubeendigung zu erwartende sehr niedrige Verkehrsbelastung. Doch wiegt das die anderen Punkte auf? Wir glauben nicht! Was soll uns das Rechenzentrum also bringen, wenn unterdurchschnittliche Einnahmen, unterdurchschnittlich viele Arbeitsplätze und null Wohnraum für Groß-Gerau herausspringen?

Alternative Entwicklungsmöglichkeiten

Das Gebiet am Lausböhl an der Bahnlinie Frankfurt–Mannheim ist eine der wenigen innenstadtnahen, bereits versiegelten Entwicklungsflächen mit direktem Anschluss an den Schienenverkehr. Aufgrund dieser Lage kommt dem Areal eine besondere städtebauliche und strategische Bedeutung zu. Es eignet sich in besonderer Weise für eine nachhaltige Stadtentwicklung, etwa für Wohnungsbau, gemischte Quartiere und klimafreundliche Nutzungen im Sinne des „Großen Frankfurter Bogens“. Die langfristige Bindung dieser Fläche durch ein monströses Rechenzentrum halten wir deshalb für eine Fehlentscheidung.

Fazit

Die Entscheidung über ein Rechenzentrum am Lausböhl ist daher keine rein lokale oder kurzfristige wirtschaftliche Frage, sondern eine strategische Weichenstellung mit langfristigen Auswirkungen auf Stadtentwicklung, Klimaschutz und digitale Resilienz.

Aus Sicht von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Groß-Gerau überwiegen die Nachteile eines Rechenzentrums an diesem Standort deutlich. Wir sprechen uns daher klar gegen die Ansiedlung eines Rechenzentrums von Vantage Data Centers im Lausböhl aus.

Wir brauchen ein schnelles und deutliches Nein zu Vantage – auch um Groß-Gerau vor Kosten und gebundenen Verwaltungskapazitäten frühestmöglich zu schützen.

Ortsverband BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Groß-Gerau

(Beitragsbild: Lausböhl mit Rechenzentrum (mögliches Szenario – generiert mit Unterstützung von KI)