Hitze ist längst kein vorübergehendes Sommerphänomen mehr. Sie ist eine der konkretesten gesundheitlichen Folgen der Klimakrise – auch bei uns in Groß-Gerau. Nach aktuellen Schätzungen des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland allein in diesem Jahr bis Anfang August bereits rund 12.500 Menschen infolge von Hitze gestorben. Für Hessen werden etwa 1.710 hitzebedingte Todesfälle geschätzt. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, Familien und persönliche Schicksale.
Besonders gefährdet sind ältere und pflegebedürftige Menschen, chronisch Erkrankte und kleine Kinder. Gerade deshalb dürfen wir Hitze nicht als unangenehme Begleiterscheinung des Sommers behandeln. Sie ist eine ernsthafte Gesundheitsgefahr. Auch Groß-Gerau erlebt die Folgen unmittelbar. Hitze und anhaltende Trockenheit belasten Menschen, Stadtgrün und Natur. Ende Juli untersagte der Kreis wegen der seit Wochen fehlenden Niederschläge die Wasserentnahme aus Bächen, Flüssen und Seen. Im Groß-Gerauer Stadtgebiet war der Mühlbach zu diesem Zeitpunkt bereits in weiten Teilen trockengefallen.
Der gemeinsame Hitzeaktionsplan des Kreises und seiner Kommunen ist deshalb richtig und wichtig. Entscheidend ist aber, dass aus einem Plan sichtbare Maßnahmen werden – in der Innenstadt ebenso wie in Dornberg, Berkach, Wallerstädten und Dornheim.
Hitzeschutz muss im Alltag der Menschen ankommen. Dafür brauchen wir mehr Bäume und begrünte Flächen, ausreichend Schatten, zugängliche Möglichkeiten zum Trinken und Orte, an denen man sich bei großer Hitze aufhalten und abkühlen kann. Auch bei neuen Bau- und Stadtentwicklungsprojekten sollte von Anfang an berücksichtigt werden, wie wir die Auswirkungen sommerlicher Hitze möglichst gering halten.
Hitze ist eine Gesundheitsgefahr
Informationen darüber, wie wir uns an heißen Tagen verhalten sollen, sind wichtig. Sie reichen aber nicht aus. Bund, Länder und Kommunen müssen Hitzeschutz als dauerhafte Aufgabe der Gesundheitsvorsorge und der Klimaanpassung verstehen. Der Bund hat mit dem „Hitzeschutzplan für Gesundheit“ und weiteren Empfehlungen Instrumente geschaffen. Viele konkrete Maßnahmen müssen jedoch vor Ort umgesetzt werden. Gerade deshalb brauchen Städte und Gemeinden die finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten, Klimaanpassung tatsächlich zu verwirklichen.
Denn ein Hitzeaktionsplan hilft erst dann, wenn die Menschen ihn an heißen Tagen spüren: durch Schatten, Bäume und Grün, zugängliches Trinkwasser, kühle Aufenthaltsorte und eine Stadtplanung, die verhindert, dass sich Straßen, Plätze und Gebäude immer weiter aufheizen.
Was jetzt in Groß-Gerau passieren sollte
- Kaltluft und Freiflächen schützen.
Frischlufttransport, Kaltluftentstehungsflächen und Luftleitbahnen müssen bei Bebauungsplänen und größeren Bauvorhaben von Anfang an berücksichtigt werden. Was eine Stadt in heißen Nächten abkühlt, darf nicht leichtfertig verbaut werden. - Mehr Schatten und Grün schaffen.
Straßenbäume, entsiegelte Flächen, begrünte Plätze und Schulhöfe sowie verschattete Spielplätze und Haltestellen können die Hitzebelastung deutlich verringern. Wo Bäume kurzfristig nicht möglich sind, können Sonnensegel und andere Verschattungslösungen helfen. - Kühle Orte sichtbar und zugänglich machen.
Öffentliche Gebäude, Kirchen, Stadtmuseum, Bücherei und andere geeignete Räume können bei großer Hitze Rückzugsorte sein. Eine leicht zugängliche Karte sollte kühle Orte, Trinkmöglichkeiten, Parks und schattige Wege in Groß-Gerau zeigen. - Trinkwasser einfacher zugänglich machen.
Öffentliche Trinkbrunnen und ein gut sichtbares Refill-Netz helfen allen – besonders älteren Menschen, Kindern und Menschen, die viel im Freien unterwegs sind. - Besonders gefährdete Menschen schützen.
Ältere und pflegebedürftige Menschen, kleine Kinder, chronisch Erkrankte und Menschen ohne ausreichend kühle Wohnung brauchen besondere Unterstützung. Pflegeeinrichtungen, soziale Träger, Vereine und Nachbarschaften sollten deshalb Bestandteil des örtlichen Hitzeschutzes sein. - Hitzeschutz zum Standard der Stadtplanung machen.
Bei Straßen und Plätzen, neuen Quartieren und Gewerbegebieten müssen Verschattung, Entsiegelung, Regenwasserrückhalt, Begrünung und nächtliche Abkühlung von Anfang an mitgedacht werden.
Stadt, Wirtschaft und Bürgerschaft: es geht nur gemeinsam
Klimaanpassung ist nicht allein Aufgabe des Rathauses. Auch Unternehmen, Grundstückseigentümerinnen und -eigentümer und wir Bürgerinnen und Bürger können etwas tun.
Statt weiterer versiegelter oder geschotterter Flächen brauchen wir mehr Bäume, Sträucher und bepflanzte Flächen. Wo eine Entsiegelung möglich ist, sollten wir sie angehen. Jeder zusätzliche Baum und jeder Quadratmeter offener Boden hilft, Wasser aufzunehmen und unsere Umgebung zu kühlen.
Auch Unternehmen tragen Verantwortung. Gerade im Gewerbegebiet Odenwaldstraße liegen inzwischen konkrete Erfahrungen aus dem Pilotprojekt IB-Green vor. Der Abschlussbericht wurde im Juni 2026 veröffentlicht. Die dort entwickelten Ansätze zu Begrünung, Verschattung, Regenwassermanagement und klimafreundlicher Mobilität sollten nicht in einem Bericht liegen bleiben, sondern von den ansässigen Unternehmen aufgegriffen und umgesetzt werden.
Und auch unsere Mobilität gehört dazu. Wer Wege mit dem Fahrrad, Bus oder Bahn zurücklegen kann, trägt zum Klimaschutz und damit langfristig auch zur Begrenzung weiterer Erhitzung bei.
Eine Kanne Wasser – und eine Frage des Zusammenhalts
Wie schwierig die Debatte inzwischen geworden ist, zeigte sich auch, als die Stadt die Bürgerinnen und Bürger um Hilfe beim Wässern der Stadtbäume bat. Der Bau- und Betriebshof ist nahezu täglich unterwegs, kann in Hitze- und Trockenperioden aber nicht überall gleichzeitig sein.
Wir verstehen, dass ein solcher Appell in einer Zeit angespannter städtischer Finanzen und heftiger Diskussionen über kommunale Abgaben bei manchen Menschen Unmut auslöst. Trotzdem wäre es falsch, daraus zu folgern: Dafür ist allein die Stadt zuständig. Ein Baum vor der eigenen Haustür unterscheidet nicht zwischen städtischer und privater Verantwortung. Wenn er vertrocknet, fehlt sein Schatten uns allen. Eine Kanne Wasser ersetzt weder eine funktionierende Stadtverwaltung noch eine ausreichende Finanzierung der Kommunen. Aber sie kann einem Baum helfen.
Eigenverantwortung darf deshalb kein Ersatz für staatliches und kommunales Handeln sein. Sie ist dessen Ergänzung. Wir wünschen uns ein Groß-Gerau, in dem beides möglich ist: von Politik und Verwaltung entschlossenes Handeln einzufordern und gleichzeitig selbst Verantwortung für die Stadt zu übernehmen, in der wir gemeinsam leben.
Klimaanpassung braucht handlungsfähige Kommunen
Dabei dürfen wir die finanzielle Wirklichkeit nicht ausblenden. Groß-Gerau steht vor erheblichen Haushaltsproblemen. Viele Kommunen befinden sich in einer ähnlichen Situation. Wenn Städte gleichzeitig Kitas finanzieren, Straßen und öffentliche Gebäude erhalten, soziale Angebote sichern und sich auf die Folgen der Klimakrise vorbereiten sollen, brauchen sie dafür eine angemessene finanzielle Ausstattung. Hitzeschutz darf nicht davon abhängen, ob eine Kommune gerade noch Geld für einen zusätzlichen Baum, einen Trinkbrunnen oder die Entsiegelung eines Platzes findet.
Die Klimakrise findet vor Ort statt. Also muss Klimaanpassung auch vor Ort finanzierbar sein. Für uns GRÜNE gehören Klimaschutz und Klimaanpassung zusammen. Wir wollen, dass Groß-Gerau auch in immer heißeren Sommern eine lebenswerte Stadt bleibt. Dafür brauchen wir politische Entscheidungen und Investitionen. Wir brauchen Unternehmen, die ihre Flächen klimaresilient gestalten. Und wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, ihren Teil beizutragen.
Manchmal beginnt dieser Beitrag tatsächlich mit einer Kanne Wasser.
Hintergrund und Quellen
- Robert Koch-Institut: Wochenberichte zur hitzebedingten Mortalität, Sommer 2026; aktuelle Schätzung bis Anfang August 2026: rund 12.500 hitzebedingte Todesfälle bundesweit (Berichte beruhen auf statistischen Schätzverfahren).
- Bundesministerium für Gesundheit: „Gesundheitsrisiko Hitze“, Stand 1. Juli 2026; Hitzeschutzplan für Gesundheit und Informationen zu kommunalen Hitzeaktionsplänen.
- Kreisstadt Groß-Gerau: „Groß-Geraus Stadtbäume brauchen Hilfe“, 25. Juni 2026.
- Kreisstadt Groß-Gerau: „Kreis verbietet Wasserentnahme aus Seen und Bächen“, 24. Juli 2026.
- Kreisstadt Groß-Gerau: Projekt IB-Green – klimaangepasstes Gewerbegebiet Odenwaldstraße; Abschlussbericht veröffentlicht am 23. Juni 2026.
- Kreis Groß-Gerau: Hitzeaktionsplan für den Landkreis Groß-Gerau sowie Städte und Gemeinden im Kreisgebiet, 1. Auflage 2026.
- BUND Hessen, Arbeitskreis Luft/Klima/Lärm: „Hitzebelastungen, Klimafunktionsgebiete und Kaltluftschneisen“, 2023.
Text und Beitragsbild: Achim Blohberger
