Das Märchen vom verlorenen Schatz des Rechenzentrums

Zusammenfassung:

2,5 Mrd. € sind kein Geld für die Stadt
Die Summe betrifft Bau- und Ausrüstungskosten des Investors – der Großteil der Wertschöpfung entsteht außerhalb Groß-Geraus.

Gewerbesteuer ist unsicher
Die Einnahmen sind langfristige Prognosen und können durch Abschreibungen, Konzernstrukturen und Marktentwicklung deutlich geringer ausfallen.

Grundsteuer ist kein Sondervorteil
Sie entsteht bei jeder Bebauung – alternative Nutzungen könnten sogar höhere und stabilere Einnahmen bringen.

2,5 Milliarden Euro Investitionssumme – diese Zahl klingt gewaltig. Sie vermittelt den Eindruck, als würde ein finanzieller Schatz nach Groß-Gerau fließen. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich: Diese Summe beschreibt in erster Linie Bau- und Ausrüstungskosten des Investors – nicht Einnahmen für unsere Stadt.

2,5 Milliarden Euro – aber für wen?

Die angekündigten 2,5 Milliarden Euro betreffen vor allem Bauleistungen, technische Infrastruktur, Spezialausrüstung und Sicherheitsstandards. Diese Aufträge gehen typischerweise an überregionale und internationale Bau-, Technik- und IT-Unternehmen.

Ein Großteil der Wertschöpfung entsteht somit außerhalb Groß-Geraus. Für lokale Betriebe bleiben erfahrungsgemäß nur begrenzte Anteile – etwa in einzelnen Bauphasen oder bei unterstützenden Dienstleistungen.

Die Investitionssumme ist daher kein Geldzufluss in den städtischen Haushalt und kein Garant für eine nachhaltige Stärkung der örtlichen Wirtschaft.

Gewerbesteuer-Prognosen: Theorie und Realität

Vantage stellt folgende prognostizierte Gewerbesteuereinnahmen in Aussicht:

  • bis 2030: 0 €
  • bis 2032: 223.000 €
  • bis 2034: 1.917.000 €
  • bis 2036: 3.332.000 €
  • bis 2038: 4.756.000 €
  • bis 2040: 6.145.000 €
  • ab 2041: 6.746.000 € jährlich

Solche Zahlen wirken auf den ersten Blick attraktiv – insbesondere in der langfristigen Perspektive. Allerdings handelt es sich um Prognosen über einen Zeitraum von weit mehr als einem Jahrzehnt.

Erfahrungen aus anderen Kommunen zeigen: Die tatsächlichen Gewerbesteuereinnahmen großer, international strukturierter Unternehmen können erheblich von ursprünglichen Erwartungen abweichen. Gründe dafür sind unter anderem:

  • konzerninterne Verrechnungsmodelle
  • steuerliche Gestaltungen innerhalb internationaler Unternehmensstrukturen
  • wirtschaftliche Schwankungen
  • veränderte Marktbedingungen

Die Gewerbesteuer bemisst sich am Gewinn eines Unternehmens. Hohe Investitionen – wie sie bei Rechenzentren üblich sind – können über viele Jahre steuerlich abgeschrieben werden. Diese Abschreibungen mindern den ausgewiesenen Gewinn und damit unmittelbar die Gewerbesteuerbemessungsgrundlage.

Gerade bei Investitionen in Milliardenhöhe ist davon auszugehen, dass umfangreiche Abschreibungen vorgenommen werden. Dadurch kann die Gewerbesteuerbelastung über viele Jahre erheblich reduziert werden. Die in Aussicht gestellten Einnahmen stehen somit unter dem Vorbehalt bilanzieller und steuerlicher Gestaltungsspielräume – und sind keineswegs automatisch gesichert.

Kommunale Haushaltsplanung braucht jedoch verlässliche und planbare Einnahmen – keine langfristigen Annahmen, die stark von unternehmerischen Abschreibungs- und Steuerstrategien abhängen.

Grundsteuer: Kein Alleinstellungsmerkmal

Zusätzlich wurde eine jährliche Grundsteuer in Höhe von 1 bis 1,5 Millionen Euro prognostiziert.

Dabei ist wichtig: Grundsteuer fällt bei jeder Bebauung an. Sie ist kein spezieller Vorteil eines Rechenzentrums.

Im Gegenteil: Eine alternative Entwicklung mit gemischter Bebauung – also Wohnen, Gewerbe und ergänzenden Nutzungen – ermöglicht in der Regel eine höhere bauliche Ausnutzung der Fläche. Mehr nutzbare Quadratmeter bedeuten potenziell auch höhere Grundsteuereinnahmen.

Die Frage lautet daher nicht, ob Grundsteuer entsteht, sondern welches Entwicklungskonzept langfristig das größere und stabilere Steueraufkommen generiert.

Verantwortung statt Illusionen

Groß-Gerau darf wichtige Flächen nicht auf Grundlage beeindruckender Gesamtinvestitionen oder langfristiger Prognosen bewerten. Entscheidend ist der nachhaltige, gesicherte Nutzen für unsere Stadt:

  • stabile und planbare Einnahmen
  • dauerhafte Arbeitsplätze
  • regionale Wertschöpfung
  • Entwicklungsperspektiven für kommende Generationen

Deshalb ist ganz wichtig zu verstehen:

Nicht jede große Zahl ist automatisch ein großer Gewinn!

Wer Verantwortung für die Zukunft Groß-Geraus trägt, muss genauer hinsehen – und zwischen Versprechen und belastbarer Perspektive unterscheiden.