Circular Economy zum Anfassen: Besuch auf dem Alnatura Campus

Verwaltungsgebäude von Alnatura in Darmstadt

Wie sieht Kreislaufwirtschaft – auf Englisch Circular Economy – in der Praxis aus? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer IHK-Exkursion zum Alnatura Campus in Darmstadt.
Der Ort zeigt eindrucksvoll: Kreislaufwirtschaft beginnt nicht erst beim Recycling. Sie beginnt viel früher, nämlich bei der Frage, wie wir bauen, Flächen nutzen, Materialien einsetzen und mit Wasser, Energie und Boden umgehen. Gerade für Städte wie Groß-Gerau ist das hochaktuell. Flächen sind knapp, Ressourcen werden teurer, und der Druck auf Klima, Natur und kommunalen Haushalt wächst. Deshalb brauchen wir eine Stadtentwicklung, die nicht immer weiter verbraucht, sondern vorhandene Werte erkennt, erhält und neu nutzt.

Vom Panzerübungsplatz zum Zukunftsort

Der Alnatura Campus entstand auf einem ehemaligen Militärgelände. Wo früher Panzer übten, befinden sich heute Streuobstwiesen, Biogärten, ein Naturteich und öffentlich zugängliche Grünflächen. Besonders anschaulich wird der Gedanke der Kreislaufwirtschaft im Detail: Betonreste des früheren Panzerübungsplatzes wurden nicht entsorgt, sondern als Material für ein kleines Amphitheater wiederverwendet. Aus Altlast wurde Aufenthaltsqualität. Das ist mehr als Symbolik. Es zeigt, was möglich ist, wenn bei Planung und Bau nicht zuerst an Abriss, Entsorgung und Neubau gedacht wird, sondern an Umnutzung, Wiederverwendung und dauerhaften Nutzen.

Sinnvoll wirtschaften statt nur billig bauen

Eine zentrale Frage bei Alnatura lautet: „Was ist sinnvoll für Mensch und Erde?“ Diese Frage sollte auch kommunale Entscheidungen stärker prägen. Denn kurzfristig billig ist nicht automatisch langfristig wirtschaftlich. Gebäude, Plätze und Infrastrukturen, die viel Energie verbrauchen, schlecht an Hitze angepasst sind oder nach wenigen Jahrzehnten wieder ersetzt werden müssen, belasten am Ende die Stadtgesellschaft. Circular Economy bedeutet deshalb: Wir müssen Lebenszyklen mitdenken. Welche Materialien werden verwendet? Können sie später wieder genutzt werden? Wie viel Energie braucht ein Gebäude im Betrieb? Wie wirkt sich eine Fläche auf Stadtklima, Wasserhaushalt und Artenvielfalt aus?

Bauen mit vorhandenen Ressourcen

Das Verwaltungsgebäude auf dem Alnatura Campus zeigt, wie nachhaltiges Bauen konkret aussehen kann. Die Stampflehmwände bestehen unter anderem aus Lehm, Lavaschotter und recyceltem Material aus dem Tunnelaushub von Stuttgart 21. Die Bauteile wurden direkt auf dem Gelände hergestellt – in einer ehemaligen Panzerhalle. Auch die Gebäudetechnik folgt dem Prinzip der Ressourcenschonung. Das Haus verzichtet auf klassische Klima- und Lüftungsanlagen. Frische Luft wird über Ansaugtürme aus dem benachbarten Kiefernwald ins Gebäude geleitet. Geothermie unterstützt Heizung und Kühlung. Für Groß-Gerau heißt das nicht, jedes Gebäude müsse künftig aus Lehm gebaut werden. Aber jedes Bauprojekt sollte die gleichen Fragen beantworten müssen: Welche Ressourcen werden verbraucht? Was kann wiederverwendet werden? Wie lassen sich Energieverbrauch, Hitzeentwicklung und Folgekosten reduzieren?

Entsiegeln, renaturieren, Wasser speichern

Auch das Außengelände liefert wichtige Impulse für die Stadtentwicklung. Versiegelte Flächen wurden aufgebrochen, Materialien vor Ort wiederverwendet, Lebensräume für Pflanzen und Tiere geschaffen. Eine riesige Zisterne kann bis zu eine Million Liter Regenwasser aufnehmen (sie war noch nie voll). Gerade in Zeiten von Hitzeperioden, Starkregen und sinkenden Grundwasserständen ist das ein entscheidender Punkt. Städte müssen Wasser besser zurückhalten, Böden entsiegeln und Grünflächen als Infrastruktur verstehen, nicht als schmückendes Beiwerk. Für Groß-Gerau bedeutet das: Jeder Platz, jedes Baugebiet und jede Sanierung ist eine Chance, Boden zu schützen, Regenwasser zu nutzen, Bäume zu pflanzen und Aufenthaltsqualität zu schaffen.

Was wir daraus für Groß-Gerau lernen können

Der Besuch auf dem Alnatura Campus zeigt: Kreislaufwirtschaft ist keine abstrakte Idee. Sie ist eine praktische Haltung. Für die Stadt Groß-Gerau bedeutet das konkret: Bei kommunalen Bauprojekten sollten Wiederverwendung, nachhaltige Materialien und niedrige Betriebskosten stärker berücksichtigt werden. Öffentliche Gebäude und Flächen müssen klimaangepasst geplant werden. Entsiegelung, Regenwassermanagement und mehr Grün gehören ins Zentrum der Stadtentwicklung. Und bei jeder größeren Planung sollte die Frage gestellt werden: Was bleibt davon in 30, 50 oder 80 Jahren?

Circular Economy heißt, Verantwortung nicht auf später zu verschieben. Sie verbindet Klimaschutz, Ressourcenschonung und solide kommunale Haushaltsführung. Der Alnatura Campus macht sichtbar, dass ein anderer Umgang mit Fläche, Material und Natur möglich ist. Genau diese Haltung brauchen wir auch in Groß-Gerau: weniger Wegwerfen, weniger Versiegelung, weniger kurzfristiges Denken und mehr Mut, Bestehendes klug weiterzuentwickeln.

(Text und Fotos: Ulla Blohberger)